Historische Informationssysteme

Die Einsatzmöglichkeiten von Informationssystemen in der Geschichtswissenschaft ist außerordentlich vielfältig, sie werden jedoch bisher noch kaum genutzt. In dem Fachbereich Geschichtswissenschaften der Universität Rostock soll zunächst ein Informationssystem im Zusammenhang mit der Erarbeitung eines historischen Städteatlas für Mecklenburg erarbeitet werden. Ein zweites Projekt sieht die Auswertung der historischen Daten in den mecklenburgischen Staatskalendern vor. Für dieses Projekt wurden bereits zwei Demoversionen fertiggestellt. Die erste Version, die das Gebiet um Rostock zeigt, wurde gemeinsam mit der Rostocker Außenstelle des Fraunhofer-Institutes für Graphische Datenverarbeitung erarbeitet.Anmerkung 6 Die zweite Variante, die das Gebiet um Gadebusch zeigt, wird nachstehend erläutert. Bezüglich der räumlichen Fixierung von historischen statistischen Daten haben die historischen Gemeindegrenzen eine besondere Bedeutung. Die Erfassung von Gemeindegrenzen in Grundkarten begann bereits am Ende des 19. Jahrhunderts.Anmerkung 7 In diesem Rahmen entstand u. a. eine Grundkarte für Mecklenburg in dem Maßstab 1:100 000. (Abb. 1) Diese Grundkarten wurden aus den Meßtischblättern abgeleitet. Während die Meßtischblattaufnahme in Preußen schon im Jahre 1820 in Angriff genommen wurde, begann sie in Mecklenburg erst 1877 durch die preußische Landesaufnahme. Für Mecklenburg läßt sich jedoch eine Grundkarte erarbeiten, die die historischen Gemeindegrenzen zu einem wesentlich früheren Zustand zeigt. Die Herstellung einer solchen Karte ist auf der Grundlage der Wiebekingschen Karte möglich, die um 1786 aus den Flurkarten von 1765/80 abgeleitet wurde. (Tafel 1) Bezüglich des Erarbeitens eines historischen Informationssystems für Mecklenburg ist das ein besonders günstiger Umstand, da dafür die Grundkarte mit der Darstellung der historischen Gemeindegrenzen sehr früh - wesentlich früher als das in den meisten anderen deutschen Ländern der Fall ist - eingesetzt werden kann. Um eine exakte und mit den heutigen topographischen Karten kompatible Wiedergabe der Gemeindegrenzen zu erreichen, müssen sie aus den Meßtischblättern bzw. aus früheren historischen Karten in die aktuellen topographischen Karten übertragen werden. Dabei sind die Veränderungen in dem Grenzverlauf zu berücksichtigen. Diese Arbeit verlangt ein quellenkritisches Vorgehen und sehr gute kartographische Kenntnisse.(Abb. 2) Auf diese Weise läßt sich eine Anbindung an das Geokoordinatensystem erreichen und so können Geo-Informationssysteme oder ihre Teilbereiche in die historischen Informationssysteme einbezogen werden, wodurch eine zusätzliche Möglichkeit zur Gewinnung neuer Erkenntnisse erschlossen werden kann. Eine weitere Grundlage eines historischen Informationssystems bilden die historischen statistischen Angaben, die z. B. für Mecklenburg-Schwerin seit 1776 in den „Großherzoglich Mecklenburg-Schwerinschen Staatskalendern“ publiziert wurden. Die Angaben für ein und dieselbe Gemeinde befinden sich in den Staatskalendern an verschiedenen Stellen.Anmerkung 9 Diese verstreuten Daten müssen zunächst in einer Datenbank, so z. B. in einer Debase-Datenbank systematisch erfaßt werden.
(Abb. 3) Hier können nicht nur statistische Angaben, sondern auch verbale Informationen berücksichtigt werden. Außerdem besteht die Möglichkeit, qualitative Eigenschaften, wie z. B. die Zugehörigkeit zu einer Verwaltungseinheit mittels quantitativer Angaben über die Debase-Datenbank automatisch zu visualisieren zu lassen. Auf diese Weise erhält man die exakte kartographische Wiedergabe des historischen Verlaufs der Grenzen von Ämtern (Abb. 4) und den verschiedenen Verwaltungsgebieten, wie Domänen, Ritterschaft und Städte(Abb. 5) sowie der kirchlichen Gliederung(Abb. 6) . Darüberhinaus enthalten die Staatskalender Massendaten, die die raumzeitliche Analyse der Sozialstruktur und der Bevölkerungsentwicklung Mecklenburgs von etwa anderthalb Jahrhunderten mit Hilfe von Informationssystemen ermöglichen. Auf diese Weise können z. B. auf Gemeindebasis in „historischem Maßstab“ Gebiete ausgewiesen werden, die sich dynamisch entwickelten oder benachteiligte Gebiete, die stagnierten. Mit dieser Verfahrensweise können verborgene Zusammenhänge in der Sozial- und Bevölkerungsstrukturentwicklung ermittelt werden, die durch andere methodische Verfahren wesentlich schwieriger oder gar nicht zugänglich wären. Die historischen Gemeindegrenzen wurden in PCMap vektorisiert, wodurch die Flächenberechnung für die einzelnen Gemeinden und somit für jegliche historische Verwaltungseinheit möglich wurde. Auf diese Weise können neue Informationen gewonnen werden. So kann man beispielsweise aus der Bevölkerungsanzahl und der Fläche die Bevölkerungsdichte berechnen, die nach ihrer Erfassung in der Datenbank ebenfalls durch eine automatische Visualisierung gezeigt werden kann. (Tafel 2) Diagramme können ebenfalls automatisch aus der Datenbank heraus generiert werden. (Vgl. die Angaben zu der Sozialstruktur in der Tafel 2) Punkthafte Signaturen (wie z. B. Kirchen, Schulen) können ebenfalls automatisch, durch die Datenbank gesteuert, den einzelnen Gemeinden zugeordnet werden. (Abb. 7 ) Die konkreten Angaben der Datenbank können in der Karte durch einen Mouse-Click auf die betreffende Gemeinde angeschaut werden. (Abb. 8) Hier besteht auch die Möglichkeit, Korrekturen anzubringen. Modifikationen der statisischen Angaben in diesen Fenstern werden in der zugeordneten Datenbank registriert. Eine solche Verfahrensweise kann für den Historiker in manchen Fällen sehr vorteilhaft sein, denn auf diese Weise können auch völlig neue Datenbanksätze „von der Karte heraus“ erarbeitet werden. Weiterhin besteht die Möglichkeit zu einer multimedialen Komplettierung des historischen Informationssystems. So z. B. können Bilder (Raster- oder Verktordaten) gezeigt, Videosequenzenfrequenzen abgespielt oder Tondokumente angehört werden, deren räumliche Zuordnung ebenfalls durch die Datenbank erfolgt. Bespielsweise können hier historische Bilddokumente gezeigt werden. Sehr sinnvoll erscheint es, die jeweilige Ausschnitte aus den historischen Karten aus der jeweiligen Zeit (bezüglich des 18. Jahrhunderts Ausschnitte aus der Wibekingschen oder aus der Schmettauschen Karten Mecklenburg-Schwerin und Mecklenburg-StrelitzAnmerkung 10) anzubinden. Dabei könnte man den historischen Kartenausschnitt in Originalform als historische Quelle (Abb. 8) oder in einer vektorisierten bzw. interpretierten Form als Geschichtskarte zeigen. Bezüglich der Städte wäre auch die Darstellung der Sozialtopographie möglich.11 Man könnte hier auch die Visualisierung von statistischen Angabeneinbinden, die in den Staatskalendern nur für die Städte vorliegen. Die hier gezeigten Abbildungen, die den Aufbau eines historischen Informationssystems für Mecklenburg demonstrieren, wurden mit PCMap erarbeitet. (Abb. 2 - 6 und Tafel 2) Sie wurden jedoch anschließend in Graphikprogrammen (CorelDraw und Aldus Freehand) weiter bearbeitet. Somit kann das eingangs angedeutete Dilemma bezüglich der divergenten graphischen Qualität zwischen Computergeschichtskartographie und historischen Informationssystemen z. T. beseitigt werden, und so können aus den historischen Informationssystemen vollwertige Geschichtskarten abgeleitet werden. (Es soll darauf hingewiesen werden, daß die hier gezeigten Abbildungen aus technischen Gründen stark verkleinert und nur schwarzweiß gezeigt werden können.) Andererseits besteht auch die Möglichkeit, das mit dem PCMap erarbeitete Informationssystem in eine leistungsfähigere Software zu übertragen, wie z. B. in ArcInfo. Hier bestehen zusätzliche Abfragemöglichkeiten, und es eröffnen sich somit auch weitere Wege zur Erkenntnisgewinnung. Allerdings entstehen hier Probleme dadurch, daß die Einbeziehung von ArcInfo in die fachhistorische Forschung durch ihre komplizierte Handhabung sehr schwierig ist. Dieser Arbeitschnitt müßte von Spezialisten durchgeführt werden. Die Ergebnisse kann jedoch der Historiker in ArcView ansehen, deren Handhabung wesentlich einfacher ist. Die im ArcInfo erzielten Visualisierungsergebnisse lassen sich ebenfalls in Graphikprogramme, wie CorelDraw und Aldus Freehand exportieren, graphisch bearbeiten und somit zu vollwertigen Geschichtskarten aufbereiten.Anmerkung 12

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